Ein leeres Museum: Russland, Kultur und Propaganda

Moskau, das Roerich-Museum | © ICR

Das Moskauer Roerich-Museum empfing einen wichtigen Teil des Nachlasses des russischen Malers Nikolaj Roerich, der insgesamt tausende Bilder und Schriften hinterliess. Das Museum ist nicht mehr zugänglich, die Exponate wurden beschlagnahmt. Warum? Der Vizepräsident und anderen Mitarbeiter des internationalen Kulturzentrums erzählen, wie sie diese Entwicklung erleben.

Moskau, Ende Februar, Temperatur minus 18 bis minus 23. Im dämmernden Nachmittag holt mich Alexandr Titov, ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des Internationalen Roerich-Zentrums, am Moskauer Flughafen Domodedovo ab. Wir verlassen langsam den vereisten Parkplatz direkt vor der neuen Passagierhalle und erreichen die breite Allee, die sich anfangs durch schneeweisse, neblige Felder und dann, nach einigen Kilometern, durch die Wohnblöcke der Moskauer Peripherie schlängelt. Die Stadt wächst uns langsam und schwarz entgegen, die Gebäude werden erst im Stadtzentrum heller und heller. Unter der künstlichen Beleuchtung enthüllen sie jeweils ihre lange, imperiale Vergangenheit oder eine jüngere, realsozialistische Entstehung, alle von zwar unterschiedlicher, aber nie bescheidener Üppigkeit von Formen und Stärke der Symbolik.

«So leben wir», sagt mir mein Begleiter, indem er den ersten Gang einlegt und zwischen hohen Schneehaufen wieder die Hauptstrasse einschlägt.

Ehe mein Fahrer mich zum Hotel im Viertel der Staatlichen Technischen Universität begleitet, biegt sein Auto rechts nach unten. Nach einigen Sekunden eines atemberaubenden Ausblicks auf die Kremltürme fährt er plötzlich irgendwo wieder rechts, in eine schmale, schneebedeckte Seitenstrasse ein, links vom berühmten Puškin-Museum. Da, wo die rutschige Gasse um 90 Grad biegt, bleibt er stehen. Er winkt dem Insassen eines an der Ecke geparkten Minibusses zu. Vom Fahrersitz her winkt jemand zurück. Eine Frau mittleren Alters kurbelt das Fenster herunter. Kurze Grusszeichen und ermutigende Worte, mehr lässt sich bei dieser Temperatur nicht machen. Fenster schnell wieder zu und weiterfahren. «Мы так живем» – «So leben wir», sagt mir mein Begleiter, indem er den ersten Gang einlegt und zwischen hohen Schneehaufen wieder die Hauptstrasse einschlägt – «So leben wir hier, Sie können selbst beurteilen», wiederholt er.

Der Minibus steht seit Monaten vor der Moskauer Lopuchin-Villa, dem Sitz des Roerich-Museums. Das Fahrzeug wurde zum Wachposten umfunktioniert. «Wir sind rund um die Uhr da, wir überwachen in Schichten. Wir wollen wissen, wer vorbeikommt, wer rein und rausgeht». In den historischen, aufwändig restaurierten Räumlichkeiten der Villa liegen nur noch Überreste von Einrichtungen und Exponaten.

Das Internationale Roerich-Zentrum: Verwaiste Museumssäle

Das privat getragene Internationale Roerich-Zentrum verwaltet einen wichtigen Teil der Hinterlassenschaft des russischen Malers, Denkers und Forschers Nikolaj Konstantinovič Roerich, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hauptsächlich in Indien tätig war und insgesamt mehr als 7000 Bilder und 1200 Schriften hinterliess, mit unzähligen archäologischen Fundstücken dazu, die er und seine Frau Elena während einer vierjährigen Erkundungsreise in Zentralasien sammelten. Nikolaj Roerich, der in Sankt Petersburg auch Rechtswissenschaften studiert hatte, war auch der Initiator des Roerich-Pakts, des völkerrechtlichen Vertrags von 1935 über den Schutz von künstlerischen und wissenschaftlichen Einrichtungen und geschichtlichen Denkmälern. Die Grundsätze dieses Abkommens flossen 1945 in den Gründungsvertrag der UNESCO und später in die Haager Konvention von 1954 für den Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten hinein.

Das Roerich-Museum ist nicht mehr zugänglich – eine Besichtigung wäre übrigens von wenigem Nutzen, denn die Säle liegen verwaist. Das Gebäude wird nicht nur von ehemaligen Museum-Mitarbeitern und Helfern bewacht, auch die Staatsanwaltschaft stellt eine eigene Wache. Im Streit zwischen verschiedenen Staatsorganen und dem privat unterstützten, als Nicht-Regierungsorganisation eingerichteten Internationalen Roerich-Zentrum ist Letzteres bisher die unterliegende Partei. Die juristische Terminologie ist nicht ausser Platz. Alles dreht sich nämlich um eine mittlerweile nicht mehr überschaubare Anzahl von Anschuldigungen, Beschlagnahmungen und gerichtlichen Verfahren, die gegen das Roerich-Zentrum angezettelt wurden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Vizepräsident Aleksandr Vital’evič Stecenko | © ICR

Hintergründe, Führung und Zweck dieser Prozesse lassen viele Fragen offen. Einige konnte ich dem Vizepräsidenten des Internationalen Roerich-Zentrums, Aleksandr Vital’evič Stecenko, und Pavel Michajlovič Žuravichin, dem Vorsitzenden des Wohltätigkeitsfonds Elena Roerich, in Moskau stellen.

Aleksandr Vital’evič, Sie sind der Vizepräsident des Internationalen Roerich-Zentrums, einer weltweit anerkannten kulturellen Einrichtung. Trotzdem können Sie mich heute nicht in den Räumlichkeiten des Roerich-Museums empfangen. Wie kam es dazu?
Wir verwalten den Teil des Nachlasses Nikolaj Roerichs, den sein jüngerer Sohn Svjatoslav mit notariell beglaubigter Willenserklärung dem Internationalen Roerich-Zentrum als gemeinnützige, Nicht-Regierungsorganisation überliess. Ein anderer Teil der Kunstwerke, der aus dem Erbteil des älteren Sohnes, Jurij Roerich, stammt, befindet sich im staatlichen Museum für orientalische Kunst. Wir haben das Gebäude der Lopuchin-Villa, das uns 1989 die damals sowjetische Regierung in Einvernehmen mit der Moskauer Stadtverwaltung übertrug, restauriert und zum Sitz des Roerich-Museums umgewandelt, mit grossem Aufwand und nur dank privaten Geldgebern. Wir haben verschollene Werke Roerichs wiedergefunden, andere Bilder haben wir restauriert und ausgestellt, noch weitere wurden uns von Mäzenen geschenkt. Im Museum veranstalteten wir Konzerte, Vorträge, Studentenbesuche. Es war ein wunderschönes Museum. Nun wird das Roerich-Zentrum enteignet und wir sind somit nicht mehr in der Lage, über das Gebäude und seinen Inhalt zu verfügen.

Hätten Sie sich diese Entwicklung jemals vorstellen können?
Überhaupt nicht. Im Rat der Kuratoren unseres Museums sassen zu Sowjetzeiten Michail Gorbačëv selbst, dann der damalige Aussenminister der Sowjetunion und später Ministerratspräsident Russlands Evgenij M. Primakov und andere, hochrangige Persönlichkeiten aus Kultur und Politik, darunter die Akademikerin Ljudmila V. Šapošnikova. Der bekannten Schriftstellerin und Philosophin hat 2006 Putin höchstpersönlich den Orden der Freundschaft verliehen. Dabei lobte der Präsident ausdrücklich ihren Einsatz in Verbindung mit dem Roerich-Nachlass. Wir waren eine angesehene Institution, bei den höchsten staatlichen Ämtern.

Mit welchen Fakten können Sie die spätere Entwicklung in Verbindung setzen?
Die Entstehung eines so ungünstigen Sachverhalts bleibt uns ein Rätsel und wir können soweit nur Hypothesen aufstellen. Seit dem Fall der Sowjetunion wird das Roerich-Zentrum scheinbar nicht mehr als legitimer Erbempfänger Roerichs anerkannt, als hätte der Sohn des Malers gar nichts disponiert, als gäbe es keine notarielle Urkunde, keinen Brief an den damaligen russischen Präsidenten Boris El’сin, aus dem die Verfügungen Svjatoslav Roerichs über die Werke seines Vaters noch einmal deutlich und über jeden berechtigten Zweifel hervorgehen. Es scheint, dass wir mit dem Tod von Evgenij Primakov und Ljudmila Šapošnikova, die beide 2015 starben und sehr geachtete, hochgebildete Persönlichkeiten waren, den letzten Schutzwall vor Kräften verloren haben, die im postsowjetischen Russland im Milieu der Funktionäre entstanden sind und andere Interessen an den Werken Roerichs, vielleicht auch am Gebäude selbst der Lopuchin-Villa vertreten. Es geht insgesamt um einen Wert von Milliarden von Dollar. Vergebens haben wir versucht, die Exponate zurückzuverlangen, die uns nach den schriftlichen Dispositionen Svjatoslav Roerichs zustehen. Unsere Briefe an das Kulturministerium bleiben soweit unbeantwortet.

 

 

 

 

 

 

 

 

Roerich-Museum, März 2017 – OMON-Spezialkräfte im Einsatz | © ICR

Was ist geschehen, in den letzten Jahren und Monaten?
Ich kann die Anschuldigungen, Prozesse und administrativen Verfahren gegen uns nicht mehr zählen. Ein Teil der Bilder Roerichs wurde im Rahmen eines Strafprozesses bezüglich einer Moskauer Bank beschlagnahmt. Der Direktor dieser Bank war zwar unser Mäzen, aber das Rechtsverhältnis zwischen dem Bankgeschäft und den Kunstwerken, die er auf privater Basis und lückenlos dokumentiert dem Museum geschenkt hat, können nicht einmal unsere Anwälte nachvollziehen. Das Ausmass der Beschlagnahmung und das Verhalten der Ordnungskräfte in den Räumlichkeiten des Museums waren unverhältnismässig. Im Frühling 2017 wurde das Museumsgebäude buchstäblich angestürmt und geplündert. Spezialkräfte, Waffen, Polizeifahrzeuge… im Zentrum von Moskau! Die Museumseinrichtungen wurden beschädigt. Einfach unvorstellbar. Selbst, wenn es zwischen den Werken Roerichs und dem Prozess gegen die Bank ein Verhältnis gäbe, wäre ein solches Vorgehen nicht begründet.

Pavel Michailovič, wie können Sie Ihrerseits diese Ereignisse einschätzen?
Was Aleksandr Vital’evič beschrieben hat, passiert heute in Russland nicht nur mit dem Internationalen Roerich-Zentrum. Mit ähnlichen Verfahren werden mittlerweile Bibliotheken, Universitäten und viele andere, freie Kulturanstalten unter Druck gesetzt. Diese Massnahmen sind durchgeplant, man sieht es. Der Staat sollte den Kulturvereinen helfen, Kultur ist die Grundlage der Zivilgesellschaft. Der Staat sollte sich nicht in die Verwaltung der Kultur einmischen. Alles, was Kultur in privater Hand ist, wird nun geschwächt; wer sich für Nicht-Regierungsorganisationen in diesem Bereich einsetzt, wird eingeschüchtert. Stellen Sie sich mal vor, irgendwo in der Welt wird eine solche Sammlung an Kunstwerken und Unikaten dem gesetzlichen Verwalter oder rechtmässigen Inhaber entzogen und einfach wegtransportiert, zerstreut. Es wäre überall ein Fall für die Strafverfolgungsbehörden, aber wir bekommen hier keinen Rechtsschutz. Das ist tragisch. Wir haben nichts gegen den Staat und gegen unser Land: Wir haben mit der Politik nichts zu tun. Wir arbeiten seit 20 Jahren dafür, dass die Werke eines der wichtigsten russischen Künstler und Intellektuellen des 20. Jahrhunderts hier in Russland gesammelt, geschützt und ausgestellt werden, wie er wollte. Wir kämpfen für sein geistiges Erbe und für seine philosophische Auffassung der Kultur als Mittel zu Frieden und Verständigung zwischen den Völkern.

Aleksandr Vital’evič, was wird jetzt passieren?
Das ist schwer vorherzusagen. Wir wurden finanziell blockiert. Unser Geld wird knapp, wir sind auf persönliche Mittel angewiesen. Ich weiss nicht, wie lange noch wir uns eine Prozessverteidigung bei den ungefähr 20 Verfahren leisten können, die gegen uns angezettelt wurden. Wir versuchen trotzdem, unsere kulturelle Tätigkeit voranzutreiben, das ist sehr wichtig. Die UNESCO kann uns nicht helfen. Die UNESCO-Leiterin war hier, sie hat uns zugehört und ihr tiefes Mitgefühl entgegengebracht, aber die UNESCO stützt sich als Regierungsorganisation auf die Aussagen der Regierungen, also auf die Erklärungen derjenigen, die im Moment unsere Gegner sind. Andere internationale Kultur- und Museumsverbände haben auf unsere Appelle bisher nur kühl reagiert. Wir hoffen, dass das grausame Schicksal unseres Museums Aufsehen ausserhalb Russlands erregt. Das ist der einzige Weg, der uns offen bleibt, um unser Museum vor dem Ruin zu retten.

Tagungen, Pressekonferenzen und Öffentlichkeitsarbeit

Viele Kulturvereine in der ganzen Welt pflegen und verbreiten das geistige Erbe Nikolaj Roerichs. Die herrschende Desinformation und die aktuellen politischen Entwicklungen in Russland erschweren eine sachgerechte Einschätzung der Ereignisse um das Roerich-Museum in Moskau. Manche Organisationen sind über den Sachverhalt und die konkreten Verhältnisse in Russland kaum oder schlecht informiert. Andere halten sich, angesichts des sich zuspitzenden Konflikts mit dem russischen Staat, auf Abstand. Eine internationale Tagung über die Lage des Moskauer Roerich-Zentrums fand erstmals 2017 in Wien statt. Mittlerweile konnte das Internationale Roerich-Zentrum selbst, trotz erheblicher organisatorischer Schwierigkeiten, in Moskau eine Pressekonferenz und ein Treffen mit zahlreichen anderen russischen Kulturveranstaltern einberufen, die in ähnlichen Situationen stecken, um gemeinsame Aktionen zu koordinieren. Im oberitalienischen Turin findet am 13. April eine Tagung und eine Ausstellung zum Werk Nikolaj Roerichs statt. An der Veranstaltung nehmen auch Vertreter des Roerich-Zentrums von Moskau teil.
(Autor und Rechteinhaber: Luca Lovisolo / www.ostundwest.ch)

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